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Säkularisierte Beichte?

medien praktisch vom 01.10.2008

 Die Talkshow als "säkularisierte Beichte"?
Jürgen Flieges Seelsorge und der Wille zum Wissen

Zur Beschreibung des gegenwärtigen Talkshow-Booms wird immer öfter die Metapher von der "säkularisierten Beichte" bemüht. So im letzten Jahr bei einer Akademietagung in Frankfurt zum Thema Fernsehshows ­ die neuen Liturgien. Menschen bewiesen in den Talkshows "Mut zur Annahme der eigenen Schuld" und würden durch den "Akt des reinigenden Geständnisses vor einem verzeihenden Millionenpublikum "zu neuem Leben auferstehen".1

Die folgenden Überlegungen zeigen, daß mit der Gleichung "Talkshow = säkularisierte Beichte" kein Erkenntnisgewinn erzielt worden ist. Talkshows sind Unterhaltungssendungen, keine Beichtinstitute. Gleichwohl betont Talkmaster Jürgen Fliege immer wieder die religiöse und seelsorgerliche Dimension seiner Sendung. Nicht nur im Selbstverständnis des Moderators, auch in der Durchführung seiner Sendung herrscht an religiösen Anspielungen kein Mangel.

Fliege ­ eine Talkshow mit seelsorgerlichem Anspruch
Die Gebildeten wenden sich bei diesem Genre in der Regel naserümpfend ab. Man muß deswegen nicht gleich in den entgegengesetzen Fehler verfallen und die Talkshows als "Schulen der Toleranz"2 feiern. Man muß aber die Tatsache zur Kenntnis nehmen, daß Jürgen Fliege und Hans Meiser als direkte Konkurrenten wochentags zwischen 16 und 17 Uhr etwa 4 Millionen Zuschauer mobilisieren. Den Talkshow-Boom allein mit der Dummheit und Verblendung der Teilnehmer einerseits und der Peepshow-Mentalität der Zuschauer andererseits zu erklären, greift zu kurz. Ein solches Urteil aus dem Munde von Psychologen unterschlägt die Tatsache, daß sich die Kommunikationsformen der Talkshows erst auf dem Boden der Popularisierung der Psychologie entwikkeln konnten.

Jürgen Fliege jedenfalls weist glaubwürdig den Vorwurf zurück, er spiele zynisch mit den Gefühlen seiner Gäste. Dem Vorwurf unprofessioneller Seelenklempnerei begegnet er mit dem Hinweis, der "Volkstalk" sei die größte Selbsthilfegruppe der Republik. Seine Show könne helfen und trösten. "Ich kann Ihnen kubikmeterweise authentische Briefe von Menschen geben, die sagen: Sie und Ihre Sendung sind mein Trost, im Alter, in der Depression. Ihre Sendung führt mich durch die Nacht ..."3 300 Briefe werden von ihm und seinem Team Woche für Woche beantwortet.

Konturen des religiösen Mehrwerts
Jürgen Fliege ­ ein Pfarrer ohne Kirche. Auf die Frage, ob er als Talkshow-Moderator einen Hehl aus seinem Pfarrersein mache, antwortete Fliege: "Dann würde ich einen Hehl aus meiner Seele machen."4 In einem anderen Zeitungsinterview meinte er: "Ich bin Missionar."5 Gegen die Werbestrategie der ARD, die seinen Beruf lieber verheimlicht hätte, setzte er auf den ­ wie er es nennt "Dornenvögel-Effekt": "Das Volk hat Hunger nach einer erotischen Religiosität ...: Zuwendung, Hinhören, zärtlich sein."6 Fliege versteht sich als Pfarrer ­ aber als Pfarrer ohne Kirche. Zumindest ohne sichtbare Kirche; diese hält er für höchst reformbedürftig: "Raus aus Hierarchien, raus aus Verkündigung und hin zu ,Wir vertrauen uns jetzt gegenseitig unser Leben an'. Und hoffen darauf, daß ein Geist uns eint, versteht und tröstet."7 Seine Vision vom Pfarrerberuf verrät sein pietistisches Erbe: "Nähe, Nähe, Nähe, Nähe. Denn das ist die einzige Marktlücke, die du noch hast als Pfaffe: Nähe."8

Der Pfarrer als Heiler. Fliege mißt seine Arbeit an der des Psychotherapeuten. Der Pfarrer ist ein Therapeut allerdings mit einer Taste mehr auf dem Klavier. Therapeuten seien allein, die Pfarrer hätten eine Gemeinde im Rücken, dazu Rituale, Segenshandlungen, Traditionen. Der Pfarrer, so Fliege, ist mehr als ein Pastoralpsychologe; er ist ein Heiler ­ ausdrücklich mit den religiös-rituellen Obertönen dieses Begriffs. Die Zeit der Pfarrer als Prediger sei vorbei, aber die Zeit der Pfarrer als zuhörende Heiler sei im Kommen.

"Die Zuhörer und Versteher, die die Geschichten der Menschen so intensiv abhören wie ein Arzt das Herz eines Menschen, sind die Pfarrer, Ärzte, Heilerinnen und Heiler von morgen. Heiler, die ihre Ohren spitzen und ihr Herz schlagen lassen ... Als ob unter dem scheinbaren Müll der elenden Menschengeschichten Edelsteine und kostbare Perlen verbuddelt wären und nun unter der Lupe der Diamantenschleifer von Antwerpen gedreht und gewendet werden."9

Immer wieder bemüht Fliege das therapeutische Paradigma für sein Selbstverständnis als Pfarrer und Talkmaster: Seine Gäste, so Fliege, haben "vor den Augen und Ohren vieler Millionen Zuschauer alles ausgebreitet und warten auf ein wenig Orientierung. Wie eben der Kranke den Arzt fragt, was ihm fehlt und wie lange es denn noch dauert ... Sag was, Doktor!"10 Fliege setzt sich unter den Druck der Diagnose und der Therapie. Wo aber liegt der religiöse Mehrwert? Wie geschieht diese Transformation vom biographischen Müll zum kostbaren Edelstein. Sie beruht ­ wenn man Flieges Interpretation folgt ­

a) auf der Wirkung der magischen Ausstrahlung des Heilers selbst,
b) auf der Wirkung seines Segens,
c) auf der Liturgie der Show,
d) auf der Wirkung des Raumes,
e) auf der publicatio sui, dem "Erzählen der eigenen Geschichte" und
f) auf der Wirkung des Publikums, von dem Fliege sagt, es sei "eine Gemeinde".11

a) Magie. Fliege rechnet mit magischen Wirkungen der Religion. "Die Pfarrer, die sich davon verabschiedet haben, sitzen doch ganz allein mit ihrem Neuen Testament da, weil sie die Magie der Religion nicht mehr leben wollten, konnten und taten. Die ist aber da."12 Und Fliege inszeniert sie. Was sich auf dem Weg zwischen Bühnentür und Sitzplatz zwischen ihm und seinen "Gästen" abspielt, deutet er so: "Dann führe ich sie zehn Meter über den See Genezareth ­ von der Türe bis zum Stuhl. Da gibt es nur Scheinwerferlicht, nur die Kamera, auf die du zugehst. Kannst du das? Ich helf' dir. Ich komm dir auch entgegen. Aber du mußt das machen."l3 "Ich", sagt Fliege im emphatischen Sinn: "Wenn du zehnmal Fliege schaust, dann spürst du das, daß ich ein paar Züge habe, die sind jesuanisch: Ich richte nicht."l4 Er glaubt an die verändernde Kraft seines Zuhörens und Verstehens. "Siehst du, ich habe dir lange zugehört mit all meiner Aufmerksamkeit und Kraft. Und vielleicht spürst du jetzt auch, daß dein Leben viel kostbarer ist, als du es oft wahrhaben wolltest."l5 Das klingt beschwörend und ist auch so gemeint.

Was Fliege als Magie bezeichnet, läßt sich psychologisch als Identifikation beschreiben. Offenbar lädt das Fernsehen zu intensiven Identifikationsvorgängen ein. Aus der Sicherheit der Zuschauerposition heraus läßt man sich vorübergehend auf diese Form der Selbstextension ein: Das Geschehen auf dem Bildschirm zieht den Zuschauer in seinen Bann, läßt ihn die Realzeit und den Realraum vergessen und in der Identifikation mit den Personen auf dem Bildschirm eine Extension der Wahrnehmung erleben. Diesen Vorgang kann man mit religiösen Metaphern wie Magie, Entrückung, Verzauberung, Betroffenheit beschreiben ­ man muß es aber nicht. Diese Realzeit und Realraum überschreitende Wirkung der Medien auf
das menschliche Erleben hat im übrigen wenig mit den magischen Fähigkeiten der medialen Protagonisten als vielmehr mit der magischen Wirkung des Mediums selbst zu tun.

b) Segen. Neben die transformatorische Kraft des Verstehens tritt die Kraft des Segens. Jede seiner Sendungen schließt Fliege mit einer Aufforderung zur Selbstsorge: "Passen Sie gut auf sich auf!" Fliege will diese Formel nicht als Appell, sondern als Segen verstanden wissen. "Es gibt Menschen, die gehen sonntags nur wegen des Segens zur Kirche. Ein Satz, eine Geste ­ und sie fühlen sich wieder geborgen. Wahrscheinlich weit mehr Menschen warten ebenso lange Nachmittag für Nachmittag auf mein Schlußwort, auf den Satz, der trägt und tröstet."16 Auf den Einwand, der Name Gottes käme in diesem Segensspruch gar nicht vor, antwortet Fliege mit dem Hinweis, daß man dem deutschen Publikum mit Gott nicht mehr kommen könne. In Amerika wäre ein "God bless you" durchaus möglich. Die Formel "Passen Sie gut auf sich auf!" sei der Versuch einer Übertragung des englischen "God bless you" auf deutsche Verhältnisse.

c) Ritual. Fliege behauptet, daß sich eine "gottesdienstliche Zeremonie", eine "heimliche Ritualisierung", "die Liturgie einer Messe" in seiner Sendung ausmachen lasse.l7 Gibt es neben dem Liturgen und dem Segen weitere liturgische Elemente?

Da ist einmal die kurze Ansprache. Am Ende jeder Sendung wendet sich Fliege an die Zuschauer. Er will ja "Antworten statt Fragen" geben, "mit einigen Worten Richtungen und Schneisen der Orientierung in ein undurchsichtiges Leben ... schlagen. Erhellende Sprachspiele, mutige Stellungnahmen, einfache Antworten statt Fragen ­ das sind meine ,Schlußgedanken' ­ zum Nachdenken oder Widersprechen." Ausdrücklich wird dafür der Heilige Geist in Anspruch genommen: "Der Heilige Geist arbeitet auch mit Widerspruch."l8

d) Raum. Das Ritual spielt sich in einem Raum mit eher bescheidenen Dimensionen ab. Das persönliche, intime Gespräch wird nicht gestört. Fliege kann seinen Gesprächspartnern sehr nahe kommen. Er sucht diese Nähe geradezu. Die Wände sind in blau-gelb gehalten, der Namenszug Fliege in rot. Luft ­ Feuer ­ Licht ­ Geist: Das scheint farbsymbolisch gewollt. Hinter dem Namenszug ein blaues, auf den Kopf gestelltes Dreieck ­ eine verfremdete trinitarische Anspielung? Der Namenszug als Substitution des göttlichen Auges?

Die Bühne ist durch zwei hohe Stufen vom Zuschauerraum getrennt. Wer auf der Bühne sitzt, ist exponiert. Fliege konterkariert das Exponiertsein gerade dadurch, daß er sich auf die Stufen (des Altars?) setzt ­ daß er zwischen "Gemeinde" und "Bekennern" vermittelt. Der Bühnenboden ist violett ­ die Farbe der Buße. Die vier bis fünf im Rücken- und an den Seitenteilen geschlossenen Stühle auf der in helles Scheinwerferlicht getauchten öffentlichen Fläche kann man wohl im Psychojargon die "heißen Stühle" nennen. Die Metapher "Beicht-Stühle" wäre aber unglücklich. Denn im Beichtstuhl sitzt der Priester, während die Poenitenten knien. Trotzdem gibt Fliege diesen Stühlen eine gesteigerte Bedeutung, wenn er beispielsweise sagt: "Auf diesen Stuhl möchte ich jetzt Frau N.N. setzen!"

e) Der Mensch und seine Geschichte. Fliege bittet seine Gesprächspartner mit der Formel "Kommen Sie, erzählen Sie uns Ihre Geschichte!" auf die Bühne. Die Geschichte wird zur Hypostase. Sie steht als etwas Eigenes neben dem Menschen. Was zunächst wie eine Einheit wirkt, tritt bei genauerem Hinsehen auseinander. "Jede Geschichte und jeder Mensch" ­ so eine wiederkehrende Formulierung ­ seien kostbar. Genauer müßte es heißen: Jede erzählte Geschichte ist kostbar. Die Geschichte muß ans Licht, selbst wenn sich der Mensch verstecken muß. So treten etwa Frauen mit Perücke und Sonnenbrille auf, die zwar ihre Geschichte erzählen wollen, die aber keinesfalls erkannt werden möchten, was im Femsehen einige Mühe macht.

Im Zweifelsfall ist auch Fliege die Geschichte wichtiger als der Mensch. Zögern seine Gesprächspartner, so hakt er nach: "Wir wollen Ihnen jetzt auf die Spur kommen ..." oder "Wir müssen jetzt Licht in ein Tabu bringen ..." Manchmal muß er auch zu härteren Maßnahmen greifen. Als eine Frau zögert, weitere Details ihrer Beziehung zu ihrem Mann zu offenbaren, droht Fliege: "Die Kamera kann ganz nah an Sie heranfahren!" Das tut sie dann auch. Man sieht der Frau an, daß sie sich in die Enge getrieben fühlt ­ aber sie behält die Fassung. Darauf Fliege: "Ich habe den Eindruck, daß Sie sehr kopfbestimmt sind ... sehr straight ..., ...auf dem Powertrip ..." Sie offenbart ein wenig mehr. Darauf Fliege: "Frau N.N., Sie imponieren mir!" Sie lächelt. Fliege: "Sehen Sie, jetzt haben Sie ein ganz anderes Gesicht!" Die Kamera saugt sich noch einmal am Gesicht fest, das Publikum applaudiert.19

f) Die erlösende Kraft des Publikums. Das kommunikative Ende des Geständnisses setzt das Publikum mit seinem Applaus. Handelt es sich um eine Form der Vergebung, gar um Absolution? Fliege sagt über die Bedeutung des Publikums: "Ich biete denen, die kommen und ihre Geschichte erzählen, eine Gemeinde. Ein Millionenpublikum. Das spüren die. Ich stelle sie mitten in ein Interesse. Von dem behaupte ich, daß es tiefer ist, als ich je dachte. Auch persönlichkeitsverändernder als ich je dachte."20 Achtet man bei den Sendungen auf die Kameraführung, so bekommt der Fernsehzuschauer zunächst skeptische, verständnislose Gesichter zu sehen. Je mehr sich die Geschichte entfaltet, um so freundlicher und verständnisvoller reagiert das Publikum ­ bis schließlich denen, die ihre Geschichte erzählt haben, Applaus zuteil wird. Aber wurden sie von der Fernsehgemeinde freigesprochen? Ist der Vergleich mit der Beichte ergiebig?

Die Talkshow als mediale Exhomologese?
Wer Talkshows mit der Beichte vergleicht, muß angeben, welche Form christlicher Beichte als Vergleichsebene überhaupt in Frage kommt. Eine erste Schwierigkeit bei der Anwendung der Beichtmetapher auf Talkshows stellt sich ja bereits im Blick auf die Sozialform. Beginnend im 4. Jahrhundert, endgültig aber ab dem 11. Jahrhundert ist die christliche Beichte Einzelbeichte. Das zu Beichtende ist Privatsache, wenigstens in dem Sinn, daß es ist nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt ist. Ließe sich für das psychotherapeutische Setting (der Klient gesteht, der Analytiker ist zum Schweigen verpflichtet) noch eine Analogie zur privaten Form der christlichen Beichte finden, so haben wir es beim öffentlichen Geständnis in der Talkshow offenbar mit einem anderen Ritual zu tun.

Zwar findet sich in der Geschichte der christlichen Beichte auch die öffentliche Buße, beispielsweise Tertullians (160 ­ 225) Empfehlung der Exhomologese, d.i. das öffentliche Bekenntnis und die öffentliche Lossprechung des Sünders. Ist aber die Talkshow eine späte Wiederkehr der Exhomologese? Wohl nicht. So sehr Fliege auch von der befreienden Wirkung des Geständnisses überzeugt ist, so sehr er sich auch um religiöse Anspielungen und Interpretationen bemüht: aus einer Talkshow läßt sich keine Beichte machen. Weder hat Flieges verständnisvolles Zuhören heilende Kraft, noch erteilt das Publikum die Absolution. Das Publikum bedankt sich lediglich für die Unterhaltung, für die Steigerung eigenen Erlebens durch
selbstextensionale Identifikationsangebote. Flieges auf Empathie zielende Gesprächstechniken vermögen aus einem Unterhaltungsdiskurs keinen therapeutischen zu machen.

An diesem Punkt gibt sich Fliege durchaus Illusionen hin, auch wenn er zunächst ganz realistisch argumentiert. Auf die Frage von Journalisten, wie er mit dem voyeuristischen Subtext des ganzen Unternehmens umgehe, antwortet er: "Das Problem meiner Sendung ist die Gratwanderung: Zwischen Voyeurismus auf der einen Seite, dem Spaß der Zuschauer, wenn andere sich ,outen' und meiner Zuwendung."21 Die Talkshow laufe nun einmal auf der Unterhaltungsschiene. Fliege will mit "seiner Zuwendung", wenn man so will, seiner Seelsorge, verhindern, daß seine Gesprächspartner zu Opfern einer Panoptikumshaltung der Zuschauer werden. Das Bild von der Gratwanderung suggeriert, daß seine subjektiv ernstgemeinte Zuwendung das strukturelle Problem seiner Talkshow ­ die Lust an der Selbstenthüllung und am Geständnis ­ unterlaufen könnte.

Die Kommunikationsstruktur zwischen den Geschichtenerzählern und dem Publikum ist nicht die einer Beichte. Sucht man nach einem religiösen Bild, so ist das Publikum eher eine Klagemauer. Die Geschichten der Opfer finden einen Resonanzraum. Das Publikum spricht nicht los, es identifiziert sich. "Endlich hört mir mal einer zu!" ­ dieses Gefühl mag durchaus zur Bewerbung um die Teilnahme motivieren. Allerdings täuschen sich die Geschichtenerzähler über die Dynamik des Identifikationsvorgangs. Das Mitgefühl ist temporär, vor allem aber dient die Identifikation der Zuschauer deren Erlebnishunger mehr als dem Resonanzbedürfnis der Erzählenden.

Fliege weckt mehr Hoffnungen als er einlösen kann. 300 Briefe wöchentlich sind nicht zu bewältigen. In einem Interview erzählt er, daß er manchmal auf einen See hinaus rudere und dort die Briefe versenke. In vielen Fällen könne er nur um Gottes Hilfe für die Menschen bitten. Das ist ehrlich und ehrt ihn. Gleichwohl ist der Weg der Entsorgung der Briefe für die Briefeschreiber belanglos. Ob die Briefe rituell versenkt werden oder ob sie gleich in den Papierkorb wandern, hat für sie denselben Effekt: Der Medienseelsorger hat mehr versprochen, als er halten kann. Man wird das Gefühl nicht ganz los,
daß Fliege selbst der Magie der Medien aufsitzt und seine individuellen Möglichkeiten überschätzt.

Vollends abwegig wird der Vergleich der Talkshow mit der christlichen Beichtpraxis, wenn man den engen Zusammenhang von Schuld und Beichte bedenkt. Von Schuldbekenntnissen kann in den Talkshows keine Rede sein, von einer Vergebungshandlung ebenfalls nicht.

Normierung durch Deutung
Das öffentliche Geständnis in der Talkshow verdankt sich nicht der Logik der Beichte. Der Talkmaster erteilt keine Absolution wie ein Priester. Die versprochene Lebenshilfe wird nur zum Teil gewährt. In jeder Sendung aber hat Jürgen Fliege die Aufgabe, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ein möglichst umfassendes Geständnis zu fordern und zu präsentieren. Je größer das Identifikationspotential der Geständnisse, um so "besser" die Talkshow.

Die Geständnisse werden in der Regel einem "Experten" zur Begutachtung vorgelegt. Er deutet das Gehörte ­ und normiert es so. Es sind zumeist Psychologen, die sich in diese Rolle drängen lassen. Die Interpretation Pierre Bourdieus, daß die Experten die "neuen Priester" seien, führt aber in die Irre: Es geht nicht um Absolution, sondern um Normierung durch Deutung. 1976 erschien Michel Foucaults erster Band seiner Histoire de la sexualité unter dem Titel La volonté de savoir, der Wille zu Wissen. Der Titel war bewußt gewählt: Nietzsches Wille zur Macht wurde verfremdet und das Grundthema Foucaults Wissen als Macht intoniert.

Wer sich 20 Jahre später Fernseh-Talkshows ansieht, findet Foucaults Prognosen bestätigt: "Die Ausweitung des Geständnisses, des Geständnisses über das Fleisch ist nicht aufzuhalten."22 Denkt man bei den Geständnissen über das Fleisch nicht nur an Sex, sondern auch an Gesundheitsfragen, an körperliches und seelisches Fühlen und Befinden, dann sind damit 90 Prozent aller Talkshowthemen abgedeckt. Foucault weiter:

"Die Verpflichtung zum Geständnis wird uns mittlerweile von derart vielen verschiedenen Punkten nahegelegt, sie ist uns so tief in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie uns gar nicht mehr als Wirkung einer Macht erscheint, die Zwang auf uns ausübt; im Gegenteil scheint es uns, als ob die Wahrheit im Geheimsten unserer selbst keinen anderen ,Anspruch' hegte, als den, an den Tag zu treten; daß es, wenn ihr das nicht gelingt, nur daran liegen kann, daß ein Zwang sie fesselt oder die Gewalt einer Macht auf ihr lastet, woraus folgt, daß sie sich letzten Endes nur um den Preis einer Art Befreiung wird äußern können. Das Geständnis befreit ..."23

Foucault beschreibt das kommunikative Gefüge eines Geständnisrituals so:

"Nun ist das Geständnis ein Diskursritual, ... das sich innerhalb eines Machtverhältnisses entfaltet, denn niemand leistet sein Geständnis ohne die wenigstens virtuelle Gegenwart eines Partners, der nicht einfach Gesprächspartner, sondern Instanz ist, die das Geständnis fordert, erzwingt, abschätzt, und die einschreitet, um zu richten, zu strafen, zu vergeben, zu trösten oder zu versöhnen; ein Ritual, in dem die Wahrheit sich an den Hindernissen und Widerständen bewährt, die sie überwinden mußte, um zutage zu treten; ein Ritual schließlich, wo die bloße Äußerung schon ­ unabhängig von ihren äußeren Konsequenzen ­ bei dem, der sie macht, innere Veränderungen bewirkt: sie tilgt seine Schuld, kauft ihn frei, reinigt ihn, erlöst ihn von seinen Verfehlungen, befreit ihn und verspricht ihm das Heil."24

Bei aller religiösen Metaphorik, die Foucault gebraucht, ist seine Pointe, daß dieses Versprechen nicht eingelöst wird. Eine religiöse Interpretation des Geständnisrituals "Talkshow" dient eher der Verschleierung als der Klärung ihrer kommunikativen Struktur.

Interpretiert man den Talkshow-Diskurs im Sinne Foucaults, dann ist der Talkmaster die Instanz des Willen zum Wissen. Dieser Wille zum Wissen ist prinzipiell unabschließbar. Während die Beichte in der Absolution, das Geständnis vor Gericht im Urteil zu einem Abschluß kommt, wird beim Geständnisritual der Talkshow ein eigenartiger Mechanismus wirksam: Das Geständnis stillt den Verdacht der Zuhörenden nicht, das Geständnis nährt ihn. Das Begehren, mehr zu wissen, nimmt mit der Geständnisbereitschaft nicht ab, sondern zu. Geständnis- und Verdachtskultur stabilisieren sich gegenseitig.

Von kirchlicher Seite wird Jürgen Fliege empfohlen, sein pastorales Profil doch stärker zur Geltung zu bringen. Trostreiche Bibelworte und ein explizites Bekenntnis zum christlichen Glauben würden seine Show erst wirklich zu einer Seelsorgesendung machen ­ und er könne so in die Fußstapfen eines Adolf Sommerauer, Jörg Zink oder Johannes Kuhn treten.

Man kann Jürgen Fliege nur eindringlich vor solchen Ratschlägen warnen. Er sollte gänzlich auf religiöse Anspielungen verzichten. Denn damit verschleiert er nur den Mechanismus von Geständnisritual und Verdachtsproduktion. Eine nüchterne Analyse des Geständnisdiskurses, den wir euphemistisch "Talkshow" nennen, scheint mir einen größeren Erkenntnisgewinn zu erbringen. An den Talkshows kann man eindrücklich studieren, in welchem Ausmaß der Mensch in der Neuzeit zum "Geständnistier" geworden ist. Es war Michel Foucault, der auf den Zusammenhang von Geständnisproduktion und den neuzeitlichen Mechanismen der gesellschaftlichen Normierung hingewiesen hat. Wenn denn den Talkshows eine
"seelsorgerliche Funktion" zugeschrieben werden soll, dann liegt sie in deren Normierungsfunktion, der Normierung durch Deutung.

Die geständigen Gäste und ihre Geschichten sind Teil einer Gesamtinszenierung, die auf eine "Moral von der Geschicht'" hinausläuft. Die predigthaften Zusammenfassungen am Ende der Sendung haben ein pädagogisches Ziel: Sie markieren die moralischen Selbstverständlichkeiten der Zeit. Wenn man schon eine Metapher aus der kirchlich seelsorgerlichen Tradition bemühen will, dann haben wir es bei den Talkshows nicht mit einer "säkularisierten Beichte", sondern mit einer Form "säkularisierter Kirchenzucht" zu tun. Nicht mehr auf die kirchliche, sondern auf die gesamtgesellschaftliche Moral bezogen, wären Fliege und Meiser mediale Seelsorgepolizisten, die durch die Offenlegung des Körpers und seines Begehrens die Ränder und Grenzen der Disziplinargesellschaft diskursiv sichern. Diese Interpretation widerspricht zwar dem Selbstverständnis der Moderatoren. Sie halten sich für Aufklärer, für Kämpfer gegen das repressive Verschweigen von Sex und Gefühl. Sie sehen aber nicht, daß sie "ausgerechnet das vom Gesetz des Schweigens befreien wollen, was unsere lärmendste Beschäftigung" ist25: die Beschäftigung mit den Geständnissen des Fleisches, um eine Formulierung Foucaults zu verwenden.

Medialer Katechismusunterricht
Man kann Flieges Talkshow auch als unterhaltsame Ratgebersendung sehen. Man will mit den Geschichten die Zuschauer beraten, warnen, ihnen helfen: Adressen von Selbsthilfegruppen werden eingeblendet, um Spenden wird gebeten, finanzielle Unterstützung wird gewährt. Die erzählten Geschichten sind Beispielgeschichten. Sie laufen auf eine Lebensweisheit hinaus. Sie sind nicht in ihrer Besonderheit und biographischen Situierung bedeutsam, sondern in ihrer Verallgemeinerungsfähigkeit. Geschichten, so Walter Benjamin, wissen Rat ­ gerade in ihrer Typik, gerade in ihrer Fähigkeit, überindividuelle Lebensdeutungen und Handlungsmuster offen zu legen und zur Nachahmung zu empfehlen. Daß es nicht auf die Geschichte
des einzelnen ankommt, zeigt sich ja schon daran, daß einander relativierende Geschichten zu einem Thema zusammengefaßt und zu einem den Publikumsgeschmack entgegenkommenden Cocktail gemischt werden: "Mit meinem Baby kam die Krise", "Ich habe Aids, und ich lebe noch", "Ich kriege jeden, den ich will", "Seit der Scheidung bin ich glücklich". Im Schlußwort destilliert dann der Talkmaster die Moral aus den Geschichten. Fliege wendet sich direkt an die Zuschauer und faßt zusammen: "Kein Mensch ist geboren, um nach den Erwartungen der anderen zu leben", oder: "Was immer Sie auch tun: Machen Sie nichts halbherzig ­ seien Sie mit ganzem Herzen dabei."

Flieges Themen unterscheiden sich von den Themen anderer Talkshows und von den Lebensberatungsseiten der Yellow Press kaum. Gesundheit, Liebe, Erziehung, Esoterik: das sind die Hauptthemen. Die Geständnisse des Fleisches stehen im Mittelpunkt. Politische und soziale Themen kommen selten vor.

Flieges Orientierungshilfen spiegeln den gegenwärtigen "common sense" wieder. Sie sind ­ institutionenkritisch (Vertrauen ist wichtiger als Trauschein; Sympathie für alternative Medizin; Homosexualität ist normal, denn die Rollen sind ins Rollen geraten; Täter sind selbst Opfer). Sie sind
­ erlebnisorientiert (Herz vs. Kopf; begeisterungsfähig bleiben; träumen). Sie sind
­ impulsivitätsfördernd (auf's Herz hören, nicht auf die Leute; Liebe ist kein Besitz). Sie sind
­ optimistisch-leistungsorientiert (Organspende: ja!; Geistheiler: Wer heilt, hat recht!; Krankheiten und Unfälle sind keine Katastrophen, sondern Herausforderungen, an denen man wächst).

Und schließlich ist da die in den Medien unvermeidliche Aufforderung zur Selbstliebe ­ in einer bemerkenswert gnadenlosen Formulierung: "Wer sich nicht selbst lieb hat, dem ist nicht zu helfen!"

Flieges "Biodizeeproblem"
Fliege muß auch dann einen Rat parat haben, wenn Schweigen angebracht wäre. Die Formel "Passen Sie gut auf sich auf!" ist halt doch kein Segen. "God bless you" greift auch dann noch, wenn man selbst nicht mehr aufpassen kann. Und so schleicht sich bei Fliege eine schönrednerische Tendenz ein. Er möchte den Menschen das Gefühl geben, daß alles gut werden kann. "Mein Beitrag besteht darin zu zeigen, daß das Leben es freundlich mit uns meint!"26 Die klassischen Religionen schreiben Freundlichkeit Gott zu, nicht "dem Leben". Diese Religionen haben bekanntlich ein
Theodizeeproblem27, Fliege hat ein "Biodizeeproblem". Damit die "Biodizee" funktioniert, wird notfalls so lange gedeutet und metaphorisiert, bis selbst dem grausamsten Schicksal noch etwas Gutes abgerungen werden kann. Denn der Satz muß seine Gültigkeit behalten: "das Leben meint es freundlich mit uns." Tut es das scheinbar nicht, so ist man selbst schuld: "Wer sich nicht selbst lieb hat, dem ist nicht zu helfen!"

Flieges Glaube an die "Freundlichkeit des Lebens" ist die religiöse Variante dessen, was Foucault Bio-Macht und Bio-Politik genannt hat. Die Bio-Politik diszipliniert nicht mehr durch Gesetz und Gehorsam, nicht mehr durch Repression und Drohung, sondern durch die Diskursivierung des Körpers und die Stimulierung des Begehrens. Einflußreich ist nicht, wer mit dem Tod droht, sondern wer ein "gelingendes Leben" verspricht. In aller wünschenswerten Klarheit hat Foucault die "Techniken der Maximalisierung des Lebens"28 analysiert und überzeugend nachgewiesen, daß diese Techniken, die so gerne im Gewand der Befreiung daherkommen, nicht der Steigerung von Subjektivität dienen, sondern der "Mikro-Macht über den Körper"29.

Foucault hat in seiner Geschichte der Sexualität mit Eifer die Struktur der christlichen Geständnispraktiken daraufhin untersucht, inwiefern sie als Wegbereiter der modernen Geständniskultur aufgefaßt werden können. Je weiter seine Forschungen gediehen, um so mehr bezweifelte er seine Ausgangshypothese, daß das Christentum die Wiege dieses subtilen Machtdispositivs ist. In einer seiner letzten veröffentlichten Untersuchungen stellt er fest, daß die Selbstenthüllungstechniken der Moderne mit der christlichen Beichtpraxis nicht kompatibel sind. Der historische Bruch sei unübersehbar. Während die christliche Praxis die Selbstenthüllung stets mit einer Verzichtsleistung, einer Askese, verbunden gewesen sei, zielten die modernen Enthüllungstechniken gerade auf die Kultivierung und Dynamisierung des Begehrens.30 Das Begehren wird zur Chiffre für Individualität ­ gleichzeitig wird es aber aufgescheucht und in eine diskursive Existenz getrieben. In den Talkshows läßt sich diese Doppelstrategie des Erregens und der Diskursivierung des Begehrens fast wie unter Laborbedingungen studieren. Die Metapher "Pastoralmacht" verschleiert aber die völlig neue Qualität des biologisierenden Zugriffs auf die Seele des Menschen in der in der Moderne.

Anmerkungen
1 Cathrin Kahlweit: Die Glotze als Hochaltar. In: Süddeutsche Zeitung, v. 18.10.1996.
2 Barbara Sichtermann: Die Barfrau hetzt die Mutti auf. Ist die Talkshow nicht doch besser als ihr Ruf? In: Die Zeit, v. 11.10.1996, S. 47 ­ 48.
3 "Ich hol' mir Rat bei Don Camillo". Ein Gespräch zwischen Jürgen Fliege und Johannes Kuhn. In: Rheinischer Merkur, v. 20.9.1996, S. 24 ­ 25, hier
S. 25.
4 "Hinter jeder guten Show steckt die Liturgie einer Messe". Ein verrückter Pfarrer hat Erfolg als Talkmaster. In: Echt. Das Magazin von Ihrer evangelischen Kirche, Darmstadt 1995, S. 10 ­11, hier S. 11.
5 "Ich hol' mir Rat bei Don Camillo", a.a.O., S. 24.
6 "Hinter jeder guten Show ...", a.a.O., S. 11.
7 Ebd.
8 Ebd.
9 Jürgen Fliege: Passen Sie gut auf sich auf! Stuttgart: Kreuz Verlag 1995, S. 9.
10 Ebd., S. 8.
11 "Hinter jeden guten Show ...", a.a.O., S. 10.
12 Ebd., S. 11.
13 Ebd., S. 10.
14 "Ich hol' mir Rat bei Don Camillo", a.a.O., S. 25.
15 Fliege, a.a.O., S. 9.
16 Ebd., S. 74.
17 "Hinter jeder guten Show ...", a.a.O., S. 11.
18 Fliege, a.a.O., Klappentext.
19 So geschehen in der Sendung vom 26.8.1996.
20 "Hinter jeden guten Show ...", a.a.O., S. 10.
21 Ebd., S. 11.
22 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 6. Aufl. 1992, S. 29.
23 Ebd., S. 77f.
24 Ebd., S. 79f.
25 Ebd., S. 188.
26 Udo Hahn: "Das Leben meint es freundlich mit uns." In: Rheinischer Merkur, v. 28.4.1996, S. 23.
27 Theodizee (grch. = Rechtfertigung Gottes) ist das philosophische und theologische Bemühen, das Vorhandensein des Übels, des Leidens und des Schmerzes in der Welt mit dem Glauben an die Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes zu vereinigen.
28 Foucault, Der Wille zum Wissen, a.a.O., S. 148.
29 Ebd., S. 173.
30 Michel Foucault: Technologien des Selbst. Hrsg. v. Luther H. Martin u.a. Frankfurt a. M.: S. Fischer 1993, S. 24 ­ 62.

Prof. Dr. Rolf Schieder, geb. 1953, ist Hochschullehrer am Institut für Ev. Theologie an der Universität Koblenz-Landau, Abt. Landau. 

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