Sie sind als Pfarrer und Moderator bekannt. Wie kam es, dass Sie Stifter wurden?
Fliege: Dazu kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Auf einmal schickten mir Leute Geld. Die sagten, sie hätten etwas in meiner Fernsehsendung gesehen und wollten nicht nur Zuschauer sein, sondern sich am Leben und an der Hilfe mit einer Zuwendung beteiligen. Als Landpfarrer hätte ich eine schwarze Kasse bilden können. Aber ich hatte Angst vor der Bild-Zeitung. Ich dachte, falls die Bild dieses Geld geschickt hat und mich damit testen will, muss ich etwas Ernsthaftes damit machen und eine Stiftung gründen, ich bin kein Landpfarrer mehr. Außerdem war ich der Meinung, wenn einer Geld schickt und sich von dem Schicksal eines anderen Menschen rühren lässt, dann tun das auch andere. Also beschloss ich, die Menschen zu bitten, nicht nur zuzuschauen oder in das Leben anderer Leute hineinzublicken, sondern auch Anteil zu nehmen.
Was ist das Besondere an der Stiftung Fliege?
Fliege: Wir sind eine Einzelfallstiftung die zuhört, prüft und die Qualitäten des Heiligen Geistes hat, nämlich zu trösten, beizustehen und zu helfen. Wir überschütten Menschen nicht mit Geld. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass finanzielle Probleme immer nur die Folge einer unterbrochenen Kommunikation mit beispielsweise dem Arzt, der Bank oder den Nachbarn sind. Wir nehmen die Kommunikation wieder auf und spenden Trost und Hilfe.
Wem hilft die Stiftung?
Fliege: Menschen, die keine Miete oder Arztrechnungen mehr bezahlen können, Menschen die überschuldet sind. Manche Leute kommen einfach mit ihren Rechnungen nicht mehr klar oder sagen, ich trau mich an diese oder jene Therapie nicht dran, oder sie haben ein Haus und der Vater die Diagnose, dass er Krebs im Endstadium hat und sie wissen nicht, was sie tun sollen. Es ist eigentlich typisch, dass zwei, drei Schicksalsschläge zusammenkommen und bewältigt werden müssen. Unsere Spezialität ist, nicht nur zu sagen: „Hier hast Du Geld.“ Wir sagen auch: „Lass uns in Dein Leben schauen und wir zeigen Dir, wo Du aufgehört hast, aus Angst zu kommunizieren. Wir stehen Dir bei.“
Wie überprüft die Stiftung die Bedürftigkeit der Antragsteller?
Fliege: Jede Stiftung wird staatlich verwaltet. Das heißt, ob wir anständig arbeiten überprüft das Innenministerium. Die gucken sich die Zahlen an. Ob wir in der Sache richtig helfen, überprüfen unsere Mitarbeiter. Wir beraten Menschen über Stunden und manchmal über Tage. Da kommt alles auf den Tisch, was es an Papier überhaupt gibt. Ohne Nachweis vom Arzt, von der Bank etc. helfen wir nicht. Wir haben vor vielen, vielen Jahren Lehrgeld bezahlt, da wollten uns Menschen in ihrer Not über den Tisch ziehen. Mittlerweile sind wir Meister und keine Lehrlinge mehr.
Wie viel Geld gibt die Stiftung jedes Jahr für wohltätige Zwecke aus?
Fliege: Früher war es eine Million Euro, das ist ohne die ARD-Sendung weniger geworden und liegt jetzt bei ungefähr 200.000 Euro.
Was war Ihr merkwürdigstes Erlebnis mit der Stiftung?
Fliege: Wir haben mal einer Zirkusfamilie geholfen. Die hatten zwölf Kinder, die alle nicht krankenversichert waren aber im Zirkus auftraten, teilweise am Trapez. Unter den Kindern war auch ein behindertes Kind, das nicht gehen konnte, und das schoben die auf einem Rollbrett in die Manege. Alle Leute guckten es sich an, wie früher die Dame ohne Unterleib auf dem Rummelplatz. Aus der Behinderung wurde eine Showkarriere konstruiert. Das war makaber. Also haben wir alle Kinder krankenversichert und gesagt: „Das mit dem Kind, das könnt Ihr nicht machen.“
Wie finanziert sich die Stiftung? Allein durch Spenden?
Fliege: Manchmal auch durch erben und das gefällt uns gut. Es gibt ältere Herrschaften, die meine Arbeit kennen gelernt und die Stiftung irgendwo in ihrem Testament berücksichtigt haben. Auf einmal kriegt man dann von irgendeinem Notar oder Amtsgericht Post und gesagt, „Sie haben eine Wohnung geerbt“ oder „Sie haben ein kleines Vermögen geerbt“. Wir erben nicht viele Millionen, wir sind eine Stiftung von kleinen Leuten für kleine Leute. Aber es ist nicht wenig, im Jahr ungefähr 100.000 Euro.
Wie hängen die Stiftung, Ihre Talkshow und die Zeitschrift Fliege zusammen?
Fliege: Es gab und gibt offenbar eine Fliege-Community von ungefähr 600.000 Leuten. Ich gebe eine Zeitschrift raus, die die Menschen am Kiosk kaufen oder abonnieren können und deren Leser spenden Monat für Monat ungefähr 5000 bis 6000 Euro. Ähnlich ist das mit dem Fliege Fernsehmagazin. Wir kommen auf die alten Zahlen zurück, zwar geteilt durch fünf, weil wir nur noch 20-30 Prozent der ehemaligen ARD-Zuschauer haben, aber die sind weiterhin spendenfreudig.
Die Stiftung trägt Ihren Namen. Was hat die Stiftung mit Ihnen gemein?
Fliege (lacht): Fliegisch ist, unbekannte Wege zu gehen, sich etwas zu trauen, alles auf eine Karte zu setzen, fromm zu sein und zu hoffen, das der liebe Gott die Dinge regeln wird. Die Stiftung tröstet gut. Sie weiß, dass man manche Situationen im Leben nicht ändern kann, das hat sie von mir lernen müssen. Aber damit man mit seinem Schicksal nicht verrückt wird, braucht man Trost. Die Stiftung ist auch treu, sie begleitet manche Menschen über Monate und manchmal über Jahre.
Warum sollen Menschen für die Stiftung Fliege spenden?
Fliege: Damit sie glücklich werden oder glücklich bleiben. Glücklich wird man dadurch, dass man etwas für das Große und Ganze tut. Unglücklich wird man, wenn man nur etwas für sich tut. Man kann viele Wege finden, für das Große und Ganze da zu sein. Bei mir hilft man, sein eigenes Herz und seine eigene Emotion zu pflegen, für andere Menschen ein Ohr und ein Herz zu haben.
Würden Sie aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung anderen raten, zu stiften und wenn ja, warum?
Fliege: Ja, wenn einer genug Kohle hat. Dann kümmerst Du Dich auf Deine Art und Weise langfristig um etwas, was diese Schöpfung weiter bringt. Sich über seinen Tod hinaus für etwas zu engagieren, hat eine spirituelle Note, deswegen hat eine Stiftung auch immer etwas Spirituelles.
Das Interview führte Victoria Strachwitz am 3.4.2009
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